Vom Fahren auf dem Dorf

Wie ich vor einigen Wochen hier berichtet habe, habe ich seit einem Unfall vor vielen Jahren Angst, Auto zu fahren. Da wir nun von Berlin aufs Dorf gezogen sind, ist es aber unerlässlich, dass ich wieder fahre. Die Fahrstunden, die ich in Berlin genommen habe, haben meine Angst nur noch geschürt und Probleme ans Tageslicht gebracht, von denen ich noch nicht wusste, dass ich sie habe.

Ich hatte das Glück, dass die ersten drei Wochen nach dem Umzug mein Mann noch nicht arbeiten musste und ich so nicht fahren musste, wenn ich nicht wollte – aber die Chance sah, begleitet zu fahren. Wann immer wir irgendwo hin fuhren, fuhr also in diesen drei Wochen ich. Zum Einkaufen, zu den Eltern, oder wir machten den Kompromiss, dass weite, unbekannte Strecken zunächst mein Mann hin fuhr und ich dann den Rückweg übernahm. Und genauso haben wir es auch gemacht.

Einige Male fuhr ich auch ganz bewusst allein Auto, meldete mich zum Beispiel freiwillig dafür, Müll zum Wertstoffhof zu fahren, nur, um einfach mal allein Auto zu fahren.

Eine große Herausforderung war es, die ersten Male mit meiner Tochter ganz allein im Auto zu fahren, also ohne einen weiteren Aufpasser und Mitdenker und eben mit einem Passagier, der mit mir stirbt, wenn ich einen Fehler mache. Die ersten beiden Male fuhr ich zwar mit ihr allein im Auto, mein Mann fuhr allerdings mit dem Motorrad direkt hinter uns her. Das gab mir das sichere Gefühl, jederzeit einen Ansprechpartner zu haben.

Und irgendwann war es dann soweit: ich sagte mir, dass ich schon einige Situationen, die mir Angst gemacht haben, gemeistert hatte, und dass die Bilanz dann immer positiv war, und dass ich es deshalb einfach wagen musste. Ich setzte mich an einem Nachmittag mit meiner Tochter allein ins Auto und wir fuhren meine Mutter besuchen, die eine halbe Stunde Autofahrt über steile, kurvige Bergstraßen entfernt wohnt. Das kleine Cornflake war auf allen Fahrten immer unheimlich lieb und akzeptierte einmal sogar, dass Mama jetzt Auto fährt und ihr nicht ihren runter gefallenen Stoffhund zurück geben kann.

Was ich so alles meistern musste:

Ich fuhr Müll zum Wertstoffhof, stellte das Auto ab, Licht aus, Motor aus, alles korrekt. Entsorgte den Müll, stieg ein, startete den Motor und nach einem Röcheln ging er wieder aus… das probierte ich einige Male und rief dann meinen Mann an. Der leitete mich an, irgendwie aufs Gas zu gehen und irgendwann klappte es wieder. Er lachte mich noch aus, weil das seiner Ansicht nach komisch sei und ihm noch nie passiert wäre und zack – vorgestern passierte ihm genau das selbe!

Ich bin mit dem Auto meiner Schwägerin gefahren. Das war ein mir unbekanntes Auto und irgendwie alles sehr … technisch. Ich war bei Dämmerung los gefahren und irgendwann, mitten im Wald, wurde es so dunkel, dass ich ohne Licht kaum noch fahren konnte, doch während der Fahrt fand ich das Licht einfach nicht. Jedes Auto, das ich bisher gefahren war, einschließlich des Fahrschulautos in Berlin, hatte links einen Drehschalter für das Licht. Da war auch so ein Drehschalter, nur machte der kein Licht an. An einer einigermaßen einsehbaren Stelle mitten im dunkeln Wald hielt ich dann an und schaute richtig nach. Ich fand den Lichtschalter dann am Blinker-Hebel. Ich stieg vor lauter Unsicherheit sogar aus und prüfte von vorne, ob auch das richtige Licht an ist.

Mit unserem Auto fuhr ich einmal etwa 10 Minuten lang, bis ich plötzlich merkte, dass sich beim Bremsen etwas veränderte. Auf einmal konnte ich das Bremspedal ganz weit nach unten treten, bis das Auto wirklich zu bremsen begann… ich bekam einen halben Herzinfarkt, wollte erst nicht weiter fahren, doch dann bemerkte ich, dass ich die ganze Zeit über die Handbremse angezogen hatte. Ja… altes Auto, keine Warnung, Warnlampe nicht bemerkt… nach ein paar Metern übervorsichtiger Fahrt normalisierte sich das Bremsgefühl und ich konnte weiter fahren, versicherte mich aber am Ziel bei meinem Schwager, der KFZ Mechatroniker-Meister ist, ob man da jetzt nachgucken muss oder ob das nun so gut ist.

Ich bin blinkend in den Kreisverkehr gefahren…

Ich hab bergauf vom ersten in den vierten Gang geschaltet…

Ich habe jemandem in einer eng beparkten Straße die Vorfahrt genommen, weil ich einfach nur da raus wollte und vor Aufregung nicht gecheckt habe, dass der Vorfahrt hat…

Ich habe aber auch schon erfolgreich ein Bremsmanöver durchgeführt, weil vor mir einer ohne zu Blinken ein Wendemanöver gestartet und mich dabei übersehen hat…

Also, es wird. Ich habe noch viele Punkte, die ich mich nach wie vor nicht traue. Nach Hannover rein zu fahren zum Beispiel, wo Stadtverkehr ist und ich den Weg nicht kenne. Und überhaupt alle Strecken zu fahren, die lang und unbekannt sind, vor allem, wenn das kleine Cornflake mitfährt. Aber ich stelle mich dem nach und nach … und ich bin super stolz, auch wenn wirklich jeeeheeder in meinem Umfeld das unkommentiert lässt und irgendwie davon ausgeht, dass das Fahren für mich nun wieder ganz selbstverständlich ist.

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3 Gedanken zu „Vom Fahren auf dem Dorf

  1. Ich finde es klasse, dass du wieder fährst! Hut ab, sowas ist nicht leicht. Und ich finde, deine Fehler sind doch echt so typische Anfängerfehler. Ich bin damals nach ein paar Tagen Führerschein wo rein gefahren, wo eigentlich nur Straßenbahnen fahren dürfen.

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  2. Das klingt doch super! Sehr mutig. 🙂 Ich finde es stark, dass du dich dem Fahren stellst! Meine Tante hatte nie einen Unfall, ist dank ihrem Mann immer seltener gefahren („Männer fahren eh besser“…) und fährt nun seit gut 25 nicht mehr Auto. Selbst, als er einen epileptischen Anfall hatte und deshalb ein halbes Jahr nicht fahren durfte, hat sie sich lieber komplett abhängig von allen anderen gemacht, statt die Chance zu nutzen und sich wieder ans Autofahren heranzutasten!
    Wir wohnen auch in der Nähe von Hannover, im Norden, etwa zwanzig Minuten über die Autobahn. 🙂

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