Milchmädchenrechnung

In Berlin tummelt sich ja so einiges an Pennern, Bettlern, „Musikern“ und sonstigen Leuten, die „mal nen Euro“ von dir haben wollen. Wir wohnen derzeit in einer wirklich guten Wohngegend, so im Vergleich zu Neukölln zum Beispiel, wo wir es auch einige Jahre ausgehalten haben. Dennoch ist selbst hier, in Nähe des Schicki-Micki-Kurfürstendamms die Konzentration echt extrem.

Auf meinem Weg zum S-Bahnhof, und das sind weniger als 5 Minuten (vielleicht 1 km), begegnet mir der erste Bettler schon vor der Tür des Einkaufsladens. Der zweite steht am Eingang des Bahnhofs und der dritte sitzt immer oben auf der Treppe. Alle drei haben unterschiedliche Maschen. Der am Supermarkt sieht immer möglichst geschunden und verletzt aus, hat eine Krücke, humpelt und wirkt völlig verranzt. Der am Bahnhofseingang ist einfach nur dreist und hält einem seinen ekligen Becher immer direkt unter die Nase, und wenn man nicht aufpasst, muss man seinen Arm echt wegschieben, um vorbeizukommen. Dabei sagt er nur in Dauerschleife „Bitte bitte“. Der auf der Treppe ist ein kleiner Punk, immer ein Buch in der Hand, versucht es auf die sympathische Tour und fragt nach „ein bisschen Kleingeld oder einem netten Lächeln“.

Letzteres finde ich zumindest angenehmer als diese „Zigeunerinnen-Kategorie“ mit schlafendem Kleinkind auf dem Arm oder wenn jemand Tiere dabei hat, die sich unter irgendwelche Decken kuscheln. Das tut mir immer so leid, ist aber auch kein Grund für mich, mein Geld zu geben.

Wenn uns Freunde vom Dorf besuchen sind die immer völlig schockiert, wenn ich abfällig sage, dass ich keinem einzigen Penner oder Bettler jemals etwas geben würde. Das hat mehrere Gründe. Zum einen weiß ich nicht, ob ich ihnen nicht damit den goldenen Schuss finanziere oder die Mafia, die ihren verranzten Opa oder Frau+Kind abends abholt und kassiert, was gesammelt wurde (hab ich mal eine Doku drüber gesehen). Da ich also nicht wissen kann, wem mit einem Euro von mir wirklich echt geholfen ist und wem nicht, kann ich keinen Unterschied zwischen ihnen machen und dem einen etwas geben und dem anderen nicht. Das Fairste, was ich machen kann, ist, einfach keinem etwas zu geben.

Es macht keinen Sinn, das situationsbedingt zu entscheiden. Worauf basiert denn die Entscheidung, einem Bettler Geld zu geben? Weil er „so nett fragt“ oder einem besonders leid tut? Weil seine Geschichte so plausibel klingt? Weil sein Hund hungrig aussieht? Man muss ja nicht grundsätzlich vom schlechtesten ausgehen, aber hier sagt mir mein Gefühl einfach, dass die schon genau wissen, wo sie betteln müssen und wie sie einem am besten etwas aus dem Kreuz leiern. Vor allem wissen viele auch, von wem sie etwas bekommen: unerfahrene Touristen, nichtsahnende Omis, Tierschützer und Leute mit ausgeprägtem Helfersyndrom oder dumme Leute, die sich beispielsweise davon belatschern lassen, dass bei unserer Hausbank am Wochenende neuerdings ein Bettler einem die Eingangstür aufhält und wohl der Meinung ist, damit „ehrliche Arbeit“ verrichtet zu haben, die entlohnt gehört… und da fühle ich mich einfach auch verarscht.

Folglich müsste ich also jedem und immer etwas geben, da ich ja nicht danach entschieden kann, was mir jetzt gerade sympathisch erscheint und was nicht. Nehmen wir mal an, ich gehe jeden Tag auf meinem Hinweg und auf meinem Rückweg an diesen Dreien vorbei und gebe jedes Mal einen Euro. Warum sollte ich auch einmal etwas geben und beim nächsten Mal nicht? Macht natürlich auch keinen Sinn. Das sind dann also 6 Euro am Tag – 42 Euro in der Woche – 168 Euro in vier Wochen! Im Jahr also 6 x 365 =  2190 Euro! 

Das ist für diese Menschen ein wirklich lohnendes Geschäft, wenn ihr mich fragt. Und tatsächlich hat mir ein Bekannter mal von einem Studienkollegen erzählt, der sich einfach, wenn er mal etwas blank war, drei Stunden in den U-Bahnhof gestellt, Leute nach Geld gefragt und sich so problemlos seinen Wocheneinkauf finanziert hat.

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18 Gedanken zu „Milchmädchenrechnung

  1. Ich gebe Bettlern sehr selten was. Musikanten gebe ich was, wenn es mir gefällt. Für mich ist das auch nicht direkt betteln – sie machen immerhin was und labern mich dabei nicht an.
    Bei uns im Dorf! klingeln neuerdings häufig Bettler, meist mit Kindern. Da bin ich mir immer sicher, dass die hierhergekarrt werden und das Geld abliefern müssen.
    Ich war allerdings entsetzt als wir in HH waren und ich die ganzen Obdachlosen gesehen habe – die hatten ihre Lager mit Matratze, Decken, Töpfen und so. Das fand ich schon sehr bedrückend und kenne ich von hier nicht.

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    1. Aber wo ist der Unterschied zwischen dem Musiker „der was macht“ und dem, der mir die Tür der Bank vor der Nase aufreißt und somit auch „was macht“? Der Unterschied ist, dass dir der Musiker sympathischer erscheint. Also reingefallen auf die Masche. Und ein weiterer Unterschied ist, dass der Musiker vermutlich ein zu Hause und einen gesicherten Lebensstandard hat und dein Geld somit gar nicht dringend braucht. Wenn du willst, spiele ich dir Titanik auf meiner Blockflöte vor, kriege ich dann auch was? 😉

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      1. Sagen wir mal so – ich fühle mich von mancher Straßenmusik unterhalten und bleibe auch mal stehen und werfe in dem Fall mal was rein. Ob der das jetzt braucht oder nicht, ist mir erst mal egal.
        Und grundsätzlich sind die mir tatsächlich sympathischer.
        Letzteres kommt darauf an wie schön du spielst, Nougat. 😜

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        1. Mir leuchtet die Bezahlung in dem Fall einfach nicht ein. Aber gut. Vielleicht kann man das als Trinkgeld betrachten oder so … obwoooohl ein Kellner ja auch keinen Handstand macht, damit er welches bekommt 😉

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      2. Ach so, der Unterschied ist für mich, dass ich dem Straßenmusiker „freiwillig“ was geben kann, während mir der Andere seine Leistung aufdrängt. Ich hasse das auch, wenn man von so nem Pantomimetyp angespielt wird. Andere machen wenigstens einfach ihr Ding.

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  2. Ich find das immer total beklemmend, wenn einer mitleiderregend bettelt… Aber ich geb auch nichts. Wie du sagst, das ist sonst unfair. Ich geb höchstens mal was, wenn einer ein Instrument spielt und mir das wirklich gut gefällt.

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        1. Aber auch dich frage ich: warum kriegt dann ein Penner, der vor deiner Nase die Tür zur Bank aufreißt, kein Geld? Was macht den Unterschied aus? Kriegt der Musiker was aus reinen Sympathiegründen oder weil er die tollere „Arbeit“ macht? Der Musiker hat vermutlich auch ohne deinen Euro einen guten Lebensstandard.

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          1. Oh man also ich wollte eigentlich nicht sone Diskussion vom Zaun brechen…
            Mir hat noch nie ein Penner die Tür zur Bank aufgerissen. Dem würde ich trotzdem nichts geben. Dem sag ich danke. Genauso wie wenn der Kunde vor mir, mir die Tür aufhält.
            Ich geb auch nicht jedem Straßenmusiker was. Gefällt mir nämlich meistens nicht, was die da fiedeln oder schrummeln. Aber wenn mir was wirklich gut gefällt, ich anfange zu lächeln, warum soll ich dem nicht 50 Cent in den Hut werfen? Ob der das braucht oder nicht ist mir schnuppe. Der Kellner „braucht“ das Trinkgeld auch nicht, aber wenn er mich gut bedient, dann honoriere ich das.

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  3. Ja, ist wirklich krass….hier in Duisburg ist das durchaus auch so.

    Mich hat mal einer auf nem Weihnachtsmarkt angequatscht…haste mal ne Mark (hach, damals noch)…die Alkoholfahne war schon nen Kilometer vorher zu riechen. Neeee hab ich nicht, aber, ich geb dir gerne ne Bratwurst oder nen heißen Kaffee / Tee / Kakao aus.

    Den hätteste mal sehen sollen. Der wollte mir an die Wäsche, fing an mich zu beschimpfen und als er dann gemeint hat, mir vor die Füsse zu spucken, hab ich dem nem Schubs gegeben – direkt in die Arme von nem Polizisten. Das Gesicht von dem war unbezahlbar. *lach*

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    1. Was Ähnliches habe ich auch mal erlebt. Ich habe mir an einem Automaten eine Fahrkarte gezogen und hatte es brutal eilig. Und unten klingelte das ganze Wechselgeld raus, undzwar mehrere Euro in 10 und 20 Centstücken. Da stand dann „zufällig“ ein Bettler neben mir und hat gefragt, ob ich „mal nen Euro“ habe und dem habe ich dann tatsächlich eine ganze Hand voll 10 Centstücken geben wollen, weil dafür in meinem Geldbeutel eh kein Platz war und der hat auch nur ne Augenbraue hochgezogen und gesagt, den „Kleinscheiß“ könne ich behalten.

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  4. Früher bin ich immer sehr gern in Berlin gewesen.
    Aber seit etlichen Jahren fahre ich nur noch nach Berlin, wenn es unbedingt sein muss.
    Und ich atme jedes Mal sehr erleichtert auf, wenn wir die Stadt dann wieder verlassen.
    Wie Du es schon schreibst.
    Kein Berlinbesuch ohne Bettler und ohne Betrunkene, egal zu welcher Tageszeit…
    Habe einen schönen Abend. 🙂
    Gruß Karen

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