Gesunde Ernährung blablabla

In der Schwangerschaft soll man für zwei essen – aber nicht, was die Menge angeht, sondern was den Inhalt der Dinge angeht, die man isst. Der Folsäurebedarf ist stark erhöht, weshalb man am besten schon vom Kinderwunsch über die Schwangerschaft und Stillzeit hinaus ein Folsäurepräparat einnehmen soll (am besten selbstverständlich ein Teures aus der Apotheke). Hinzu kommt je nach Schwangerschaftsmonat ein erhöhter Bedarf an zunächst Magnesium, dann Eisen, dann Kalzium und überhaupt braucht man von allem angeblich mehr und muss darauf achten, eben jetzt ganz besonders ausgewogen und ganz besonders reichhaltig zu essen: wesentlich weniger Schokolade, dafür wesentlich mehr Obst und Gemüse. Gegen bestimmte Beschwerden kann man auch anfuttern, Vollkorn gegen Verstopfung und so weiter…

Ach, was man in der Schwangerschaft nicht alles soll und muss. Was ich mich immer frage, wenn ich all die Ratgeber so lese:

Wenn niemand mein Blut auf Mängel untersucht und somit niemand weiß, in welcher Konzentration Folsäure und Co. in meinem Körper vorrätig sind, woher soll ich dann wissen, ob ich tatsächlich einen Folsäure- Eisen -Magnesium -oder sonstwas-Mangel habe? Einfach „weil das überall steht“ prophylaktisch alles Mögliche einzuwerfen halte ich für blödsinnig.

Mein Frauenarzt fragte anfangs jedes Mal, ob ich denn Folsäure nehme, hat aber immer erklärt, dass das Baby sich schon holt, was es braucht, wenn ich verneint habe. Wozu wird denn auch sonst aaandauernd Pipi und Blut kontrolliert und akribisch dokumentiert?

Aufgrund der Hyperemesis Gravidarum habe ich zuerst nur gegessen, was sich besser kotzen ließ: Nichts, Eiswürfel, Melone, Salatgurke…

Nach dem Krankenhausaufenthalt hörte das Erbrechen auf, die 24/7-Übelkeit blieb aber noch einige Monate und da aß ich alles, was die Übelkeit nicht verschlimmerte und was keinen Brechreiz machte, und das enthielt entweder nichts oder Zucker: Milchschnitte, Fruchtzwerge, Kakao, Käsebrötchen…

Irgendwann reduzierte ich die Medikamente, die Übelkeit beherrschte mich nicht mehr nonstop, so dass ich wieder leichte, einfache, warme Sachen essen konnte, aber auch hier zwecks Überleben das zu mir nehmen sollte, wonach mir eben war, um überhaupt iiirgendwas zu essen, und das war sowas wie: Dosenravioli, Fertigsuppe, Nutellabrot…

Heute habe ich die Hyperemesis im Griff. Mir ist nur noch schlecht, wenn ich es übertreibe oder wenn ich länger als drei, vier Stunden nichts esse. Wenn ich die entsprechenden Situationen vermeide, dann ist mir auch nicht schlecht und ich komme prima über den Tag, ohne Medikamente. Meine Ernährung bewegt sich irgendwo zwischen „wie vor der Schwangerschaft“ und „Schwangerschaftsgelüste“, so dass ich mich sehr oft im mir vertrauten Fastfoodbereich bewege: Döner, Pizza, Spaghetti…

Ich beichte:
In der ganzen Schwangerschaft habe ich nicht ein einziges Mal Folsäure genommen.
In der ganzen Schwangerschaft habe ich nicht einmal irgendwas gegessen, weil ich das Gefühl hatte, das sei jetzt einfach nötig, weil besonders erforderlich/gesund.
In der ganzen Schwangerschaft habe ich nicht einmal auf irgendwas verzichtet, worauf ich Lust hatte.
In der ganzen Schwangerschaft habe ich nicht einmal darauf geachtet, „genug“ zu trinken.
In der ganzen Schwangerschaft habe ich mich so dermaßen ungesund ernährt wie wohl noch nie in meinem Leben. Zuerst, weil ich nicht anders überlebt hätte und später dann, weil mir die Einsicht dazu fehlte.

Das EINZIGE, was wirklich eine von mir speziell für die Schwangerschaft durchgeführte Maßnahme ist, ist das Magnesium, das ich seit einigen Wochen nehme. Das hat mir mein Frauenarzt empfohlen wegen eines verkürzten Gebärmutterhalses. Positiver Nebeneffekt war hier eindeutig, dass die nächtlichen Wadenkrämpfe dadurch auch aufhörten. Der Gebärmutterhals ist aber trotzdem weiter geschrumpft…

Damit will ich sagen: gesunde Ernährung ist überbewertet. Beziehungsweise ist es einfach ein zu individueller Begriff. Was für den einen gesund ist, ist für den anderen vielleicht nicht gesund genug. Gesunde Ernährung speziell in der Schwangerschaft ist noch dazu ganz besonders überbewertet, denn hier ist es noch viel viel individueller, was der schwangere Körper tatsächlich benötigt. Hier sollte immer ein Arzt konsultiert werden, der alles absegnet, was man sich an Präparaten einwirft, bevor man dem Ratschlag eines Babynewsletters oder Flyers folgt oder wahlweise auf den eigenen Körper hören. Geht’s dir gut, bist du fit, ist das Baby ok? Wozu dann irgendwas extra einschmeißen oder auf die tollen Sachen verzichten?

Noch ist unser Baby natürlich nicht da, so dass ich kein abschließendes Urteil fällen kann. Und ich kann natürlich nur für mich selber sprechen. Man kann quasi sagen, dass ich mich mit dieser extremen Krankheit Hyperemesis mit ihren körperlich und seelisch extrem auslaugenden, zermürbenden Eigenschaften erst recht besser ernähren müsste, es aber in die genau entgegen gesetzte Richtung überhaupt nicht tue – es ist, als müsste ich ein Gefäß mit Wasser füllen, doch statt welches hinzuzufügen, nehme ich welches heraus – dennoch sind alle meine Urinwerte, alle meine Blutwerte, alle meine CTGs und sonstigen Untersuchungen einschließlich Feindiagnostik und sämtlicher Ultraschalle unauffällig bis perfekt. Alles ist im Normbereich, das Kind stets zeitgerecht entwickelt und es besteht kein Grund zur Sorge, dass der Kleinen in meiner Nichts-Milchschnitte-Pizza-Ravioli-Ernährung irgendwas fehlt.

Warum gehen wir denn davon aus, dass es für die Schwangere besser ist, die Tiefkühlpizza durch einen fettarmen Salat zu ersetzen? Weil im Salat die „besseren Sachen“ drin sind? Und wenn der Körper aktuell gar keinen Mehrbedarf an „besseren Sachen“ hat? Zudem sollte man bedenken, dass man unter heutigen medizinischen Voraussetzungen nicht in der Lage ist, genau zu messen oder zu bestimmen, welchen eventuellen Mehrbedarf an „besseren Sachen“ ein Ungeborenes tatsächlich hat. Das stellt die „für zwei essen“-These auch in bisschen in Frage.

Der gesunde Menschenverstand sagt einem natürlich: wenn man die Wahl zwischen Schokolade und einem Apfel hat, dass man sich dann besser für den Apfel entscheidet. Steht man 1000 Mal im Leben vor genau dieser Entscheidung, macht es auch sicherlich Sinn, sich überwiegend für den Apfel zu entscheiden, keine Frage. Aber nur, weil man jetzt gerade schwanger ist, macht es keinen Sinn, einmal, zweimal oder öfter zur Schokolade zu greifen… wir müssen und sollen schon so viel, wir büßen so viel ein, verzichten auf so vieles, alles zehrt an unserem Körper und unserer Seele, während wir im Spagat versuchen, allem gerecht zu werden und dabei wie gefordert total entspannt zu bleiben, da kann man dann ruhig öfter mal die Schokolade dem Apfel vorziehen, ohne sich schlecht zu fühlen!

 

Advertisements

13 Gedanken zu „Gesunde Ernährung blablabla

  1. Ich hab keine Ahnung, ich halt mich da raus 😉 Aber, wie es mit allem so ist: In Maßen ist alles ok. Und solange es einem nicht schlecht geht, warum soll man sich da einschränken und geißeln?

    Gefällt mir

  2. Ich gebe dir zum großen Teil recht, da ist auch viel Blabla dabei, wie generell in der Schwangerschaftsliteratur.
    Ich hatte in der ersten Schwangerschaft oft Heißhunger auf sauren Salat, diesmal möchte ich oft Sauerkraut.
    Leider wurden bei mir aber nach der Schwangerschaft gravierende Mangelerscheinungen festgestellt (die wohl auch in Kombi mit Hashimoto auftauchen) – ich substituiere es bis heute in hohen Dosen und es hat über ein halbes Jahr gedauert, ehe die Werte wieder ok waren. Diese Mangelerscheinungen waren auch der Grund für meine Panikattacken. Blöd war nur, dass das während der letzten Schwangerschaft keiner kontrolliert hat, da das kein Bestandteil der Routine war.
    Zum Thema trinken – ich trinke auch eher wenig, hatte auch beim Stillen das Problem, dass ich immer mal wieder zufüttern musste, weil es nicht gereicht hat, obwohl ich währenddessen schon viel getrunken habe. Eine Hebamme meinte neulich, dass es daran liegen kann, dass ich vorher so wenig getrunken habe. Weiß zwar nicht, ob es stimmt, aber ich versuche es jetzt mal und guck ob es nen Unterschied macht.

    Gefällt mir

    1. Ach so, was ich noch sagen wollte – beim Kind selbst war auch immer alles gut, die holen sich wohl tatsächlich was sie brauchen, aber das geht eben manchmal zulasten der Mutter. Finde es aber auch bescheuert, „einfach so“ irgendwas einzunehmen. Ich frage mich allerdings, warum bestimmte Sachen nicht mit geprüft werden, wenn schon bekannt ist, dass Schwangere oft von diversen Mängeln betroffen sind.

      Gefällt mir

    2. Ja und genau das, was du anfangs beschreibst, meine ich: es ist halt ganz individuell zu prüfen, was man benötigt, statt einfach mal pauschal Folsäure zu essen wie eine Wahnsinnige. Den Wert von Folsäure streite ich gar nicht ab, aber dieses Fokussieren finde ich ganz fatal. So vernachlässigt man unter Umständen wichtigere Dinge oder macht sich unnötig verrückt.

      Bin gespannt, wie deine Erfahrungen zu letzterem sind, wegen dem Trinken…

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s