Dieser verfluchte Wendepunkt

Ich hielt ihn ja für einen Mythos. Ich hielt es für eine dieser wagemutigen Behauptungen, die immer als für „alle Schwangeren geltend“ propagiert werden und dann letztlich doch ganz individuell empfunden werden. Nach eingehender Recherche stelle ich aber fest: es gibt ihn, den Wendepunkt – den Punkt, an dem man einfach nicht mehr schwanger sein mag und alles irgendwie nur noch belastend ist.

Jetzt bin ich in der 35. Schwangerschaftswoche, was bedeutet: das Baby ist fertig. Die Lungen sind fertig, die Organe arbeiten und es hat inzwischen eine Statur erreicht, die vielleicht noch etwas zierlich, aber dennoch kein Hindernis ist, um in die Welt zu starten. Aber wie sagt mein Arzt so schön zu meinem inzwischen doch beträchtlich geschrumpften Gebärmutterhals: nehmen Sie Magnesium. Legen Sie sich hin. Wir wollen das Kind jetzt noch nicht haben! 

Das sind bis zum Termin nun also noch etwa 5 Wochen, die ich mich ausruhen soll, in denen ich mich oft hinlegen und langsamer machen soll. Das Problem, das für mich dabei entsteht, ist, dass ich weder gut schlafen und liegen kann, noch besonders mobil bin. Da gibt es diesen unausweichlichen Konflikt, den ich euch gerne mal an einem Beispiel erläutern würde.

Gestern reiste ich mit ca 45 Minuten Fahrt mit S- und U-Bahn quer durch Berlin für einen bei Ebay Kleinanzeigen ergatterten Schlafsack und Babykleidung. Was normalerweise kein Problem ist, war wirklich unfassbar anstrengend, obwohl man in der Bahn immer für mich zur Seite rutscht 😉 Zunächst einmal tut mir seit Tagen das Becken weh. Das bedeutet, dass ich immer ein leichtes Ziehen spüre, wenn ich von irgendwo aufstehe oder Treppen steige – bei solch einer Reise aber unabdingbar. Ich hab an den Bahnhöfen dann schon immer die totalen Umwege genommen, um statt der Treppen die Fahrstühle und Rolltreppen nehmen zu können und stellte dabei unwillkürlich fest: die sind ja immer am anderen Ende vom Bahnsteig! Und am Alexanderplatz geht einem die Menschenmenge nicht aus dem Weg, nur weil man schwanger ist – nein! Hier ist sich jeder selbst der nächste! Da wird gedrängelt, durchgequetscht und geschubst! Nach der Bahnfahrt spazierte ich dann wirklich supergemütlich zum Abholungsort der Babysachen und geriet dabei in ein ganz einsames Industriegebiet mit abgefrackten, maroden Gebäuden, verranzten Garagen und verdreckten Straßen. Ich hatte kurz den Gedanken, dass man mich vielleicht mit Babysachen in eine Falle lockt, dann verschleppt und das Baby verkauft. Die einzige Wohung dort war dann mein Ziel und die Frau dort auch sehr nett… aber ich machte, dass ich da weg kam. Das arme Kind von der, echt. Muss im Müll aufwachsen. Der Rückweg machte mich dann fertig. Ich kam total erschöpft nach Hause. Der Rücken tat mir weh, die Füße fühlten sich an, als wäre ich den ganzen Tag lang unterwegs gewesen und ich war in meiner Winterjacke komplett durchgeschwitzt. Obwohl ich das Ganze wirklich in Zeitlupe absolviert habe, war ich völlig am Ende, mein Bauch war ganz hart und ich musste mich erstmal zwei Stunden mit Schokolade auf die Couch setzen.

Wie passt da wohl die Aussage zu, man solle gerade jetzt noch Sport machen, schwimmen gehen, mobil bleiben und sich bewegen? Der Kopf des Kindes ist schon so tief im Becken, dass ich manchmal das Gefühl habe, ich muss breitbeiniger laufen, um ihm nicht den Schädel zu brechen. Beim schwimmen verliere ich es vielleicht noch!

Da ist die Couch auf Anraten des Arztes natürlich die bessere Alternative. Aber hier die Zwickmühle: ich kann nicht mehr liegen! Ich weiß nicht wie.

Wenn ich zu lange auf dem Rücken liege, wird mir schwindelig und schlecht. Vorallem schlecht. Das liegt wohl daran, dass Kind und Kegel irgendeine wichtige Ader abdrücken und dabei schlimmstenfalls das Kind auch nicht mehr korrekt versorgt wird.

Erhöht und so halb sitzend liegen kann ich auch nicht lange, weil das total ins Steißbein zieht, wenn das Gewicht sich zu lange dort fokussiert. Es soll ja Schwangere geben, die wochenlang so schlafen… Hut ab, Mädels!

Sitzen ist ok. Am besten etwas breitbeinig auf der Sofakante, so dass der Bauch zwischen den Beinen baumeln kann. Aber gemütlich ist anders. Außerdem ist das so eine Sache mit dem Wasser in den Füßen – die laufen dann irgendwie voll und wenn ich dann aus so einer Haltung nach längerer Zeit aufstehe, fühlt sich das an wie … keine Ahnung. Blöd halt.

Auf der rechten Seite schlafen oder liegen kann ich nur kurz. Dabei schlafen mir die Füße und Hände nach kurzer Zeit ein. Was auch immer da abgedrückt wird – ich wache davon auch mitten in der Nacht auf. Es ist ein wahnsinniges Gefühl, nachts ohne Füße und Hände aufzuwachen. Die ersten Male habe ich mich richtig erschrocken. Aber offenbar drehe ich mich immer automatisch auf die rechte Seite, wenn ich schlafe. Sofern ich es geschafft habe, auf der linken Seite einzuschlafen.

Übrig bleibt mir ja somit nur noch die linke Seite. Das ging bis vor einiger Zeit auch ganz gut. Mittlerweile ist diese Seite aber natürlich total überlastet und ich habe an allen „Auflageflächen“ meines Körpers Druckstellen, die total weh tun. Ich versuche schon immer, mich geringfügig anders zu lagern, aber der Bauch ist einfach zu sehr im Weg, als dass ich mich weiter nach vorn rollen könnte und das Becken und der untere Rücken schmerzen zu sehr als dass ich mich groß weiter zurück lagern könnte.

Außerdem ertrage ich es nicht mehr, wenn meine Knöckel, meine Knie und meine Oberschenkel aufeinander liegen, so dass jeweils ein Kissen oder die Decke dazwischen müssen.

Ihr könnt euch vorstellen, dass es richtig schwere Arbeit ist, sich also auf der linken Seite in eine Position zu manövrieren, die noch machbar ist und bei der dann nicht irgendwo etwas ziept und zwackt. Ich stecke mit die Decke in den Rücken, alle Kissen zwischen die Beine, nehme den Druck von meiner Schulter und hoffe dann, so einpennen zu können, was meist dadurch erschwert wird, dass mir oftmals viel zu warm ist. Und dann habe ich das alles…

… und muss dann alles neu sortieren, wenn ich mit tauben Fingern und Zehen aufwache. Oder wenn ich zwei mal in der Nacht aufs Klo muss. Wenigstens muss ich meistens dann zum zweiten Mal aufs Klo, wenn mein Mann schon bald zur Arbeit aufstehen muss, so dass ich ihm auf dem Weg zurück schonmal die Kaffeemaschine an machen kann. Dann hat wenigstens einer von uns einen Nutzen davon.

Der Bauch klemmt mir inzwischen auch so unmittelbar unter dem Rippenbogen, dass Fußtritte in selbigen echt weh tun, wenn ich zu krumm sitze. Die Kleine hat echt Kraft. Manchmal muss ich ernsthaft befürchten, dass sie sich den Weg nach draußen durch die Bauchdecke boxt.

Ich fasse somit zusammen, dass Hinlegen und Ausruhen nicht mit Erholung einher gehen!

Die Hebamme aus dem Geburtsvorbereitungskurs sagte, dieses „kein Bock mehr“-Gefühl sei von der Natur so vorgesehen. Es sei eine Art eingebaute Motivation für die Geburt, damit man sie eher herbeisehnt als fürchtet. Das hat die Natur echt genial eingerichtet: fühl dich irgendwann so scheiße, dass es scheinbar nichtmal eine Geburt toppt.

Hab mir gestern ein (gebrauchtes) langes, großes Stillkissen gekauft. Sobald das fertig gewaschen ist, werde ich mich darin für die nächsten 5 Wochen einrollen.

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3 Gedanken zu „Dieser verfluchte Wendepunkt

  1. Ich hab mich damals auch total auf den Mutterschutz gefreut und mir vorgestellt, was ich dann alles mache. Da ich noch ziemlich viel Resturlaub und Überstunden hatte, war das am Anfang auch noch ganz gut. Aber einige Wochen vor der Geburt ist einfach alles ziemlich mühselig und ich hatte dann – entgegen meiner Pläner – einfach keinen Bock, auf dem Weihnachtsmarkt rumzulaufen, mich mit Freundinnen zu treffen oder schöne Spaziergänge zu machen.
    Ich hatte acht Kilo Bauch mit mir rumzuschleppen (Kind + Plazenta) und ich war einfach nur fertig, wenn ich mal was länger andauerndes erledigen musste. Zwar hatte ich den Luxus eines Autos, aber da musste ich den Sitz so weit zurückfahren, dass ich kaum noch an das Lenkrad reichte. 😀
    Aber ich hatte damals ja ne Theorie – als das losging, also dass die Schwangerschaft so RICHTIG anstrengend wurde, hatte ich plötzlich überhaupt keine Angst mehr vor der Geburt. Bei mir war das ungefähr drei Wochen vor Termin. Da dachte ich mir bloß noch: Ist mir jetzt alles egal, Hauptsache der kommt endlich raus, ich kann nicht mehr.

    Bin aber schon gespannt, wie das jetzt mit nem Kleinkind wird. Ich denke, ich bin dadurch insgesamt schon mobiler, als ich während der letzten Schwangerschaft war (musste ja beruflich hauptsächlich hocken), so dass es vielleicht nicht ganz so anstrengend wird.

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