Geburtsvorbereitung – Klappe 5: Die Erkenntnis

Der vorletzte Paar-Abend des Geburtsvorbereitungskurses liegt hinter uns und wir gingen mit einem extrem guten Gefühl nach Hause.

Ich muss euch leider enttäuschen: das groß angekündigte Geburtsvideo haben wir nicht geguckt… ach, wie schade 😀 Dafür ist etwas anderes passiert, doch lasst mich von vorn beginnen.

Wir starteten wieder mit einer Erzählrunde, in der alle berichten durften, wie es ihnen geht. Ich beließ es im Grunde bei „Ich bin jetzt in Woche x und mir geht’s gut“, während die anderen wie immer etwas weiter ausholten. Frau Darmverschluss nahm wieder doppelt so viel Redezeit ein wie die anderen, woran wir inzwischen gewöhnt sind, aber ihr Mann nahm sich nun ebenfalls nicht wenig Zeit um Raum, von deren Umzug zu berichten, was uns alle natürlich in diesem Rahmen brennend interessiert hat. Die zwei passen so gut zusammen, weil sie einfach unheimlich viel Scheiß labern und ich fragte mich, ob die sich zu Hause nicht unterhalten oder ob sie vielleicht niemanden haben, der ihnen zuhört. Dieser Gedanke sollte sich im folgenden bestätigen.

Die Hebamme trennte die Männer und Frauen räumlich. Die Männer sollten auflisten, wie sie uns im Wochenbett unterstützen können und wir sollten aufschreiben, was wir uns von den Männern für Unterstützung wünschen.

Die Mädels trugen dann tatsächlich solche Dinge zusammen wie „Ich würde mich freuen, wenn mein Mann selbständig Dinge im Haushalt sieht und ich nicht alles sagen muss“ und „Mein Mann soll dann auch mal Besorgungen machen, die Wäsche waschen…“. Die Labertasche wünschte sich, dass ihr Mann mit ihr redet, wenn es Probleme gibt, was für eine Überraschung 😉 Alle nickten ganz wild, als eine äußerte, dass sie es schön finden würde, wenn der Mann mit ihr gemeinsam Essen für mehrere Tage vorkocht.
Und die ganze Zeit dachte ich nur: Häh?! Was habt ihr denn alle für Männer zu Hause, dass ihr euch das extra wünschen müsst? Dass mein Mann, während ich mit aufgerissenem Intimbereich blutend und stündlich stillend im Wochenbett krepiere, einkauft, putzt und kocht, setze ich als so selbstverständlich voraus, dass ich gar nicht auf die Idee gekommen wäre, dass das in diesem Rahmen überhaupt erwähnt werden muss. Ich habe mich echt gefragt, in was für kaputten Beziehungen die stecken, ob die alle nur Paschas zum Mann haben und den ganzen tag die Hausmuttis mimen. Ich hatte vielmehr Dinge im Kopf wie „Besuch koordinieren“ und dass mein Mann an diese ganzen Elterngeld-Kindergeld-Behördenfristen denkt, aber auf die Idee kommt mein Mann ebenfalls von ganz allein. Andere Dinge, auf die man ihn bei dieser tollen Gelegenheit mal hätte hinweisen können, wollten mir wirklich nicht einfallen.

Als die Gruppe dann wieder komplett war, kam heraus, dass die Männer genau das aufgeschrieben hatten, was die Frauen gewünscht hatten. Mein Mann erzählte mir auf dem Weg nach Hause total fassungslos, dass die Männer sich in der Runde total dafür gefeiert haben, was für Helden sie sein werden, wenn sie „mal“ die Spülmaschine allein ausräumen. Einer, ein Akademiker, hat aber wohl in deren Runde auch geäußert, dass er ja den ganzen Tag arbeitet und schon erwartet, dass die Frau das auch sieht und ihn nicht noch zusätzlich mit dem Kind belastet, sondern einsieht, dass er ja dann nicht alles machen könne. Der Rest war glücklicherweise weniger arrogant, aber mein Mann berichtete, dass sich schon rauskristallisiert hat, dass sie vermutlich voller Stolz das erste Mal in ihrem Leben kleine Haushaltsaufgaben übernehmen werden und meinen, dafür Lob und besondere Anerkennung zu verdienen. Hat einer von ihnen gesagt, dass er ja dann auch ab und zu mal einkaufen gehen könne, haben die anderen ganz begeistert genickt und mein Mann saß ähnlich da wie ich und hatte wohl auch kurz den Impuls, sich die flache Hand an den Kopf zu klatschen und zu sagen „Ach was! Gut dass wir darüber gesprochen haben! Da wär ich IM LEBEN nicht drauf gekommen!!“

Ich weiß nicht, wie es meinen Lesern geht, aber bei uns funktioniert das seit 10 Jahren auch ohne extra verbalisierte Absprache, dass wir zu gleichen Teilen den Haushalt machen. Wir sind beide faul, kriegen aber beide regelmäßig Putzanfälle und jeder hat so sein Spezialgebiet. Das hat sich einfach ganz automatisch eingespielt, ohne dass wir je bestimmt haben, wer welche Aufgaben hat. Das läuft einfach so. Mein Mann putzt, kocht, staubsaugt, macht die Toilette – ebenso wie ich. Dass die Frauen sich gewünscht haben, dass die Männer im Wochenbett besonders einfühlsam sind und besonders viel mit ihnen „reden“ haben wir auch unglaublich lustig gefunden, da das offenbar auch nicht deren Normalzustand ist.

Wir waren beide jedenfalls extrem schockiert, dass dort Wünsche und Vorstellungen geäußert wurden, auf die wir im Leben nicht gekommen wären, weil sie für uns so natürlich und selbstverständlich sind.

Es ist auch gar nicht nötig, sich jetzt im Vergleich zu den anderen als besonders gefestigtes Paar zu sehen (dazu geht es um viel zu banale Dinge) – was uns aber ein echt gutes Gefühl gegeben hat, war die Erkenntnis, dass wir offensichtlich schon ganz automatisch alles richtig machen. Alles, worüber wir in dieser Runde gesprochen haben, hätten wir sowieso gemacht. Weder werde ich ihm irgendwas abverlangen müssen, noch wird irgendeine Form von Hinweis meinerseits nötig sein, denn er wird wissen, was ich brauche, da das ja auch irgendwie total logisch ist und er mich einfach kennt. Was für ein Armutszeugnis wäre es für meinen Mann, wenn ich voller Stolz erklären würde, dass er „von ganz allein“ auf die Idee gekommen ist, mich zu unterstützen! Der Abend endete mit so einem beruhigenden Gefühl vonwegen „wir machen das schon alles richtig“ und dafür müssen wir uns nichtmal anstrengen, weil wir das, was für die offenbar ein Ausnahmezustand ist, schon seit 10 Jahren machen.

Und vielleicht ist das auch der Unterschied. Ich weiß nicht, wie lange die alle schon zusammen sind, wie lange sie sich schon kennen und einen Alltag miteinander teilen – aber in diesem Jahr knacken mein Mann und ich die 10-Jahres-Marke und da spielt man sich eben aufeinander ein. Jetzt mal ganz abgesehen davon, dass auch ein Mann so viel gesunden Menschenverstand besitzen sollte, das Wochenbett auch als solches zu betrachten. Und es tut gut zu wissen, dass mein Mann diesen Abend ebenso schräg fand, wir unabhängig voneinander die selben Schlüsse gezogen haben und sich wieder einmal zeigte, wie sehr wir in den wirklich elementaren Dingen des Lebens auf gleicher Wellenlänge sind.

All diese Gedanken haben sich nochmal bei der letzten Übung manifestiert und bestätigt, die wir gemacht haben. Die Frauen haben sich auf ein Kissen gehockt, das Licht wurde gedimmt und wir sollten die Augen schließen. Die Männer sollten dann ihre Hände auf unseren Rücken legen und wir unsererseits „zu den Händen“ atmen. War mir mal wieder ein Rätsel, wie man in die Schulterblätter atmet, aber ich hab getan, was ich konnte. Die Männer sollten dann näher rutschen und die Hände von hinten um uns und auf den Bauch legen. Wir haben dann – meinerseits angestrengt versucht – „zum Baby zu atmen“ und während ich bei diesen Momenten schon immer angestrengt die Augen zukneife, um beim Anblick der anderen eben nicht lauthals loslachen zu müssen, hat mein Mann doch tatsächlich den Fehler gemacht, die anderen zu mustern. Hinterher erzählte er mir dann völlig fertig, dass sich alle an ihre Frau angekuschelt und ihre Köpfe auf deren Schultern gelegt haben. Er hat das anschaulich dargestellt mit schräg gelegtem Kopf und gespitzten Lippen 😀 Und nach allem was wir davor gehört haben, zogen wir den (vielleicht unfairen) Schluss, dass die offenbar nicht so viele intime Momente und Berührung miteinander teilen und es ihnen vielleicht deshalb, ganz im Gegensatz zu uns, möglich ist, so eine moderierte Vorzeigekuschelei auf Anweisung zu genießen. Oder sie tun alle nur so, denn schließlich sind das dekadente Akademiker-Lehrer-Hausmutti-Vorzeigepaare, die sich eine zu offensichtlich fehlende Intimität nicht erlauben können und deshalb alles daran setzen, besonders miteinander vertraut zu wirken.

Noch eine kleine Anekdote: ihr wisst ja vielleicht, was Globulis sind, oder? Diese Kügelchen aus der Alternativmedizin gegen „Allesmögliche“, die man in der Apotheke kriegt, die süß schmecken und in denen im Grunde nichts enthalten ist. Globuli und Placebo sind so ziemlich das selbe (bevor die Verteidiger mich steinigen, hier nur eine von zahlreichen Quellen: http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/das_geschaeft_mit_dem_nichts/) .
Es gibt nun für Fans derselben die Möglichkeit, Stücke von der Plazenta einzuschicken und daraus Globulis herstellen zu lassen. So, wie den einen Globulis gegen blaue Flecken, Grippe oder Herpes helfen, so sollen Plazentaglobulis natürlich bei Wochenbettdepression oder Stillproblemen Abhilfe schaffen. Da der Placebo-Effekt wissenschaftlich erwiesen ist, will ich auch gar nicht kritisieren, dass einige sich gerne für jeden Pups das passende Globuli zulegen – bittesehr, wenn’s hilft. Die Schwangerschaft allerdings macht mit mir, dass ich meine Gedanken geradezu voreilig äußere und im Rahmen der Diskussion über diese Globulis fragte ein Mann in die Runde „Und was machen die Globulis dann?“ und mir raus rutschte „NICHTS, weil es Globulis sind“.

Zu meiner Verteidigung: ich war auch einfach etwas vorbelastet durch diese ganze Scheinheiligkeit, die sich wie die stickige Luft im Raum um mich ausgebreitet hatte und mich zu ersticken drohte.

Zum Glück ist es nur noch eine Stunde. Inzwischen ist allen klar, dass wir da nicht so reinpassen. Weltfremder müsste man sein… nicht.

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4 Gedanken zu „Geburtsvorbereitung – Klappe 5: Die Erkenntnis

  1. Siehste, dann hat doch der Kurs doch noch was gutes für sich gehabt 🙂 Ist doch irgendwie schön, wenn einem sowas normales und selbstverständliches doch mal so bewusst gemacht wird und einem zeigt, dass es doch etwas besonderes ist! 🙂

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  2. Bei uns ist das ähnlich wie bei euch, aber vielleicht kommen so dämliche Antworten auch zustande, weil man ja irgendwas sagen muss. Wir haben die Übung jetzt nicht gemacht, aber hätte ich zu dem Thema irgendwas sagen MÜSSEN wäre mir wahrscheinlich auch bloß sowas eingefallen.
    Aber es ist traurig, dass es Männer gibt, die sich toll fühlen, wenn sie wissen wie ein Staubsauger angeht. 😏

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